74. Wortlos glücklich

74_Ahnungslos

Josis Lieblingsbetreuerin, Stationsschwester Sonja, war aus Krankheitsgründen eine ganze Weile ausgefallen und als sie endlich wieder da war, freute er sich nicht nur, wie ein kleines Kind, sondern fragte sie sofort, wie es ihrem Arm ginge. Demenz ließ grüßen, immerhin hatte er sie mehr als vierzehn Tage nicht gesehen, weil sie eine Sehnenscheidenentzündung gehabt hatte.

Das genaue Gegenteil von klarem Durchblick erlebte ich nur wenige Tage später. Josi saß in seinem Sessel, als ich kam und er fragte mich, ob ich Geld dabei hätte und ob ich wüsste, wo es etwas zu trinken und zu essen gäbe. Als ich ihn an die Hand nahm und mit ihm zum Kaffeetrinken in die Wohnküche ging, war er erleichtert. Später machten wir noch einen kleinen Spaziergang zu unserer Lieblingsbank und genossen wortlos aber glücklich und aneinander gekuschelt die letzten Strahlen der schönen Oktobersonne. Ich war dankbar, dass wir noch so gutes Wetter hatten und mir grauste es schon vor den Wintermonaten mit Kälte, Regen und Schnee, denn dann würde ich meinen Liebling keinen Millimeter mehr vor die Tür bekommen.
Am Sonntag, den 1. November, besuchte Frau P. meinen Mann und sie zeigte ihm einen kurzen Film auf dem Handy, den sie von ihrer Enkeltochter gemacht hatte, die bei einem Konzert auf ihrer Geige spielte. Er war so begeistert von der Musik, dass er den Film gleich noch einmal sehen wollte. Als ich das hörte, bekam ich schon wieder ein schlechtes Gewissen, weil ich es bislang versäumt hatte, Josi die Möglichkeit einzurichten, ab und an seine geliebte Ann Sophie Mutter zu hören und ich nahm mir vor, in der Woche drauf einen CD-Player zu kaufen. Ein Versuch war es auf jeden Fall wert.

Josi sagt: „Schöne Musik.“

Am Montag, den 2. November, war ich früh im Heim, um Josi für seinen Zahnarztbesuch abzuholen. Er saß noch beim Frühstück und war ziemlich mürrisch. Ein Pfleger sollte uns begleiten und er würde auch die ganze Zeit bei uns bleiben, was mich ein wenig beruhigte. Ahnungslos, was da gleich auf ihn zukommen würde, schmierte mein Mann in aller Seelenruhe dick die Butter auf seine zweite Brötchenhälfte und kratzte das Marmeladenschälchen aus. Mich fuchste es natürlich, dass er so hemmungslos mit der Butter umgehen konnte und keine Aufsicht in der Nähe war, aber ich verkniff mir jede Bemerkung und schielte nur ab und an verstohlen auf meine Uhr, wir hatten noch genügend Zeit. Als er endlich fertig war, konnte ich ihn dazu überreden, sich die Zähne zu putzen und es gelang mehr schlecht als recht, immerhin klappte das Gurgeln mit dem Mundwasser. Der Pfleger gesellte sich zu uns und wir packten Josi warm ein. Ich hatte die ganze Zeit auf ihn eingeplappert und ihm erklärt, dass wir jetzt zu der hübschen Zahnärztin fahren würden, dass er eine Wurzel gezogen bekäme, aber alles halb so wild sei. Dann holte ich das Auto und los ging es. Schon fünf Minuten später waren wir vor Ort und Josi und sein Begleiter wankten von dannen, während ich einen Parkplatz suchte. Mir war ganz elend zu Mute und ich hätte am liebsten meinen Mann gepackt und wäre mit ihm bis ans Ende der Welt geflüchtet, weg von allen Krankheiten, der elendigen Demenz und der Zahnärztin, einfach nur weg und alles hinter uns lassen.
(Tipp Nr. 74: Wenn es denn sein muss, dann Augen zu und durch.)

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