75. Der Schock

Nachdem ich einen Parkplatz gefunden hatte, spurtete ich zur Praxis und staunte nicht schlecht, dass Josi bereits im Praxisstuhl saß und aufgeräumt und charmant mit der Zahnärztin plauderte. Da alle Zahnarztpraxen ähnlich aussehen, war ihm die Umgebung vertraut und von früher her noch bekannt. Wie es meine zwei Jungens die enge Treppe hochgeschafft hatten, wollte ich gar nicht wissen. Der Pfleger blieb im Wartezimmer und bekam einen Kaffee und ich setzte mich zu meinem Liebling. Auch die anwesende Zahnarzthelferin war sehr nett und bot mir ein Glas Wasser an, was ich für den Moment dankend ablehnte. Die örtliche Betäubung wurde gesetzt und Josi schrie, wie am Spieß und ich brach in Tränen aus. Durch die Glastür konnte ich sehen, wie sich unser Bodyguard mit überkreuzten Armen positionierte, denn er hatte natürlich auch das Geschrei gehört und wollte uns zur Hilfe eilen. Die Zahnärztin gab Entwarnung und verließ für einige Minuten den Behandlungsraum, bis die Betäubung wirken würde. Die Assistentin redete beruhigend auf mich ein, während ich Josis Hand streichelte. Sie erzählte mir, dass sie in unserem Heim ein Praktikum gemacht hätte und dass es eine tolle Zeit für sie gewesen sei. Ich kriegte mich wieder ein und die Behandlung wurde fortgesetzt.

Josi sagt: „Aua, aua!“

Glücklicherweise hatte sich Josi komplett entspannt und war einfach mit offenem Mund eingeschlafen und schnarchte leise. Wir konnten es alle nicht fassen, aber mir war schon klar, welch ein Stress das für ihn war und ich wollte nicht darüber nachdenken, was passieren würde, wenn mein Liebling acht Zähne gezogen bekäme. Es musste eine andere Lösung her. Die Zahnärztin hatte schnell die Wurzel entfernt und die Wunde mit wenigen Stichen genäht. Josi hatte von all dem nichts mitbekommen und schlief weiter den Schlaf der Gerechten. Dann war die Sitzung auch schon beendet und ich küsste meinen Schatz wach und sagte ihm, dass alles vorbei sei und wir es geschafft hätten. Ich flitzte voraus, um das Auto zu holen. Auf dem Weg zum Parkplatz kam ich an einem Mutter-Kind-Café vorbei und blieb für einige Sekunde stehen und sah mir verzückt die kleinen Babys an, die auf kuscheligen Decken auf der Erde lagen, fröhlich mit ihren Beinchen strampelten und ihre Mütter anlachten. Ich hätte dort Wurzeln schlagen können und vergaß mal für einen winzigen Augenblick mein eigenes Elend. Als ich mit dem Auto um die Ecke bog, kamen mir meine beiden Männer schon entgegen und wir lobten Josi, dass er so tapfer gewesen sei.
Zurück im Heim packte ich meinen Mann ins Bett, deckte ihn mit seiner Kuscheldecke zu und setzte mich noch einen Moment zu ihm auf die Bettkante, um ihn zu umarmen und zu küssen. Ich war so erleichtert und dankbar, dass die ganze Aktion doch noch relativ glimpflich über die Bühne gegangen war. Josi streichelte meine Hand und sagte: „Danke, dass Du bei mir warst, ich liebe Dich so sehr.“ Ich küsste ihn noch einmal zum Abschied und antwortete: „Ich Dich auch, mein Schatz.“
Am Nachmittag rief ich im Heim an, um zu fragen, wie es meinem Mann ginge. Schwester Sonja war am Apparat und sagte lachend: „Es geht ihm prächtig, er hat gerade etwas gegessen und ist nur genervt, weil wir uns ständig nach seinem Befinden erkundigen. Machen sie sich keine Sorgen, er hat den Zahnarztbesuch bereits komplett vergessen.“
Am nächsten Morgen weckte mich das Klingeln des Telefons vor 6.00 Uhr aus dem Tiefschlaf. Jemand vom Heim war dran und eine fremde Stimme sagte: „Ich bedauere es außerordentlich, aber ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihr Mann heute Nacht verstorben ist.“

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