79.a Verständnis

Viele Angehörigen erleben fast täglich, dass es mit den Betroffenen sehr stressig werden kann, wenn die Körperpflege ansteht. Es scheint ein Rätsel zu sein, warum unsere Liebsten bereits beim Anblick der Dusche lauthals protestieren und manchmal auch richtig aggressiv werden.
Deshalb trauen sie sich mal das Experiment und lassen sich von einer Freundin oder einem Freund waschen, anziehen, zur Toilette bringen und füttern. Wenn sich ihnen bei der bloßen Vorstellung daran schon die Nackenhaare sträuben, dann denken sie darüber nach, wie sich erst ein hilfloser Demenz-Kranker fühlen muss. Das Verweigern der Körperpflege kann aber manchmal auch einen ganz banalen Hintergrund haben, dass es beispielsweise zu kalt im Bad ist. Der Betroffene klettert aus dem kuscheligen, warmen Bett und bekommt das Nachthemd oder den Schlafanzug ausgezogen und schon wird es sehr ungemütlich. Als pflegender Angehöriger bin ich ja vollständig angezogen und bemerke den Temperaturunterschied natürlich nicht, auch das lässt sich durch einen Selbstversuch schnell herausfinden. Wenn das Bad mollig warm ist und eventuell sogar die Dusche schon läuft, gibt es vielleicht etwas weniger Protest. Große Wasch- oder Duschorgien müssen ja nicht täglich sein und Katzenwäsche liebten wir schließlich schon in unserer Kindheit. Zu einem positiven Erlebnis kann die Körperpflege auch werden, wenn ich unterschiedlich strukturierte Waschlappen, Schwämme und Handtücher einsetze, eine gutriechende Creme für eine leichte Massage verwende und anschließend ein schönes Parfum versprühe. Grundsätzlich ist es richtig das tun, was uns selber auch gut tun und uns glücklich machen würde, allerdings sollte ich immer die Persönlichkeit, die Vorlieben und Abneigungen meines Gegenüber berücksichtigen. So unterschiedlich Demenzerkrankungen verlaufen, so unterschiedlich sind auch die Bedürfnisse und Verhaltensweisen der Betroffenen und sie verändern sich nicht nur im Laufe der Zeit, sondern sind häufig abhängig von der Tageszeit und der Tagesform.
Wichtig ist mir, für mehr Einfühlungsvermögen und Verständnis für Menschen zu werben, die an Demenz erkrankt sind. Denn wie in vielen Demenz-Foren im Internet leider zu lesen ist, reagieren aus Unwissenheit immer noch sehr viele Angehörige auf das Verhalten der Betroffenen mit großem Unverständnis, Frust, Entsetzen und manchmal auch mit Wut. Sie unterstellen den Erkrankten, dass diese sie mit Absicht tyrannisieren und ärgern wollen und extra nicht das machen, was man von ihnen verlangt. Dann wird geschimpft und ausgezankt, korrigiert und aufgebracht reagiert. Den ganzen Ärger und die unnötigen Aufregungen kann man sich sparen, denn sie bringen uns keinen Schritt weiter, im Gegenteil schaffen sie auf beiden Seiten noch mehr Unsicherheit, Angst und Traurigkeit. Wenn man dagegen verstanden hat, dass kein Demenz-Kranker irgendetwas extra macht, dass er einfach nicht anders handeln kann, weil er krank ist, dann hat man eine Basis gefunden, die das Zusammenleben erträglicher macht.
Immer wieder kann es vorkommen, dass sich Betroffene betrogen, belogen und verraten fühlen, weil sie sich zum einen nicht mehr daran erinnern, wo sie was abgelegt haben und zum anderen nehmen sie ihre Krankheit als solche nicht wahr. Also können ja nur die Anderen daran Schuld sein, wenn sie etwas nicht mehr wiederfinden oder etwas nicht funktioniert. Hier hilft kein Appell an die Vernunft oder die Einsicht, hier helfen wieder nur Verständnis, Anerkennung sowie beruhigende Worte und Gesten. Man sollte den Erkrankten auch nicht ständig korrigieren oder ihn gar über die Realität belehren, sondern ihm vielmehr das Gefühl vermitteln, ihn gut zu verstehen. Selbst im fortgeschrittenen Stadium einer Demenz sind die Erkrankten immer noch für Stimmungen und echte Gefühle empfänglich und sie nehmen bis zuletzt wahr, ob wir mit ihnen fürsorglich und liebevoll umgehen.
Meine persönlichen Tipps für den Umgang mit Demenz-Kranken:
Rechtzeitig Patientenverfügung und Vollmacht ausstellen lassen und immer griffbereit liegen haben.
Gehen Sie offen – besonders im näheren Umfeld – mit dem Thema Demenz um.
Nicht mit dem Schicksal hadern, das zieht einen zu sehr runter.
Nicht ständig nörgeln, keine Vorwürfe machen, sich lieber über Kleinigkeiten freuen.
Den an Demenz erkrankten Menschen immer mit Respekt und Würde behandeln.
Sich selbst nicht aus den Augen verlieren und öfters eine Auszeit organisieren.
Überredungskünstler und Diplomat werden und sich immer wieder in Geduld üben.
Einsichtig werden und aus Fehlern lernen.
Praktisch denken und handeln und keine Entscheidung überstürzen.
Kräfte bündeln und bewusst gute Zeiten genießen.
Sich beizeiten umfassend über das Thema Demenz informieren.
(Quelle: Deutsche Alzheimer Gesellschaft)

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