79. Verständnis

So schockierend die Diagnose Demenz zunächst für alle Beteiligten ist, so verschafft sie doch auch endlich Klarheit und die Möglichkeit, das weitere Leben gezielter zu planen und besser auf die Erkrankten auszurichten. War es mir bis zu diesem Zeitpunkt kaum möglich das geänderte und für mich völlig unverständliche Verhalten meines Liebsten nachzuvollziehen, so weiß ich spätestens jetzt, woran ich bin. Hilfreich ist es besonders zu Beginn, mich über die jeweilige Demenzerkrankung hinreichend zu informieren, weil es mir leichter fallen wird, Verständnis aufzubringen und die jeweilige Situation besser einzuschätzen. Rund zwei Drittel aller an Demenz erkrankten Menschen werden von ihren Angehörigen, Freunden oder Nachbarn versorgt und natürlich sind die wenigsten auf die Aufgabe der Pflege vorbereitet und sie sind ganz sicherlich nicht von jetzt auf gleich in der Lage mit Depressionen, Antriebslosigkeit, Aggressivität, Hemmungslosigkeit, Unruhe oder Wahnvorstellungen richtig umzugehen. Ehe ich als pflegender Angehöriger schnell an meine eigenen Grenzen stoße und mich überfordere, ist es besser sich beizeiten Wissen anzueignen sowie Hilfe und Unterstützung zu holen, damit es gar nicht erst soweit kommt. Glücklicherweise gibt es mittlerweile eine große Zahl von Broschüren und Sachbüchern zum Thema Demenz. Auch das Internet bietet eine Vielzahl seriöser Seiten und Foren, auf denen man sich informieren, Fragen stellen und sich mit Anderen austauschen kann. Einen persönlichen Austausch bieten Angehörigengruppen und Seminare bzw. Schulungen für Angehörige von Demenz-Kranken. Weitere Informationen und Beratung zu den Angeboten vor Ort bieten die örtlichen Alzheimer-Gesellschaften, Seniorenberatungsstellen, Pflegestützpunkte und die Pflegekassen. Die Pflegekassen finanzieren unter anderem Schulungskurse für pflegende Angehörige und es gibt auch die Möglichkeit, dass Schulungen in der häuslichen Umgebung des Pflegebedürftigen stattfinden.
Leider gibt es keine Patentrezepte für den richtigen Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen, aber wenn ich ein paar grundsätzliche Verhaltensregeln beachte, werden einige angespannte Situationen gar nicht erst entstehen oder ich bin wenigsten in der Lage sie rasch zu entschärfen. Das funktioniert beispielsweise hervorragend mit der Validation, deren Grundsätze nicht so schwer zu erlernen sind. Hinter dem abstrakten Begriff Validation stecken relativ einfache und dennoch wirkungsvolle Kommunikations- und Fragetechniken, die den Demenz-Kranken Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Validieren (für gültig erklären) bedeutet nichts anderes als die Gefühle und Bedürfnisse der Betroffenen ernst zu nehmen, sich auf ihre Welt einzulassen und diese zu akzeptieren. Es gibt zwei „Schulen“ der Validation, sie sind sich sehr ähnlich und beruhen auf einer wertschätzenden und emphatischen Grundhaltung den Kranken gegenüber. Wenn ich diese Grundhaltung teile, habe ich schon den ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht. Es gibt übrigens Kurse und Seminare für Validation, an denen jeder teilnehmen kann, nicht nur Fachkräfte.
Hilfreich kann es auch sein, wenn ich versuche, mich in die Demenz-Kranken hineinzuversetzen. Stellen sie sich beispielsweise vor, sie wären mit einer Reisegruppe unterwegs und finden sich nach einem anstrengenden Flug in einem fremden Land wieder. Sie haben ihre Gruppe verloren, sie wissen nicht, in welchem Land sie sind und sie sprechen weder die Sprache noch können sie die Schriftzeichen auf den Anzeigetafeln identifizieren. Wenn man sich diesen Albtraum vor Augen führt, kann man sicherlich schon eher nachvollziehen, wie sich ein Demenz-Kranker fühlt und es fällt uns leichter, seine für uns oft rätselhaften Handlungen besser zu verstehen und geduldiger damit umzugehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.