80a. Pflegestärkungsgesetz II

Gerade beim ersten Besuch vom MDK ist es für Sie und noch viel mehr für den an Demenz Erkrankten sehr anstrengend und nervenaufreibend darüber zu sprechen oder gar zuzugeben, was alles ohne Unterstützung nicht mehr klappt und man fühlt sich zwangsläufig sehr unwohl dabei. Das führt leider manchmal dazu, dass man Situationen oder Handhabungen aus Scham oder Verlegenheit beschönigen möchte. Das ist allerdings eine komplett verkehrte Reaktion, weil der Gutachter dann nicht den richtigen Eindruck bekommen kann. Versuchen Sie, bei dem ganzen notwendigen Prozedere sachlich und glaubhaft zu sein und nichts persönlich zu nehmen. Bleiben Sie offen und ehrlich, verschweigen Sie nichts und fügen Sie aber auch nichts hinzu, was Ihnen später widerlegt werden könnte. Natürlich wollen auch die Betroffenem einem Fremden gegenüber in einem guten Licht dastehen, keine Fehler zugeben und sich möglichst nicht blamieren. Wer erzählt schon gerne freiwillig, dass er nicht mehr alleine zur Toilette gehen kann oder nicht mehr in der Lage ist, alleine zu duschen oder sich zu waschen. Selbst wenn Erkrankte vom Gutachter direkt darauf angesprochen werden, antworten sie in der Regel, dass sie selbstverständlich noch alles können und alles alleine bewerkstelligen, auch wenn das nicht der Wahrheit entspricht. Dann müssen Sie natürlich sehr diplomatisch eingreifen und notfalls in einem Vieraugen-Gespräch den MDK über die tatsächlichen Defizite aufklären. Gerne machen Angehörige auch den Fehler, ihre Liebsten herauszuputzen, als käme die Königin von England zu Besuch. Wenn auch gut gemeint, vermittelt es wiederum einen falschen Eindruck, weil Sie ja in Wirklichkeit gar nicht in der Lage wären täglich so einen Aufwand zu betreiben. Solange der Demenzkranke gepflegt ist und auch so ausschaut, haben Sie alles richtig gemacht und Sie bitten ja auch unter anderem genau deshalb um Unterstützung, dass dieser „gepflegte“ Zustand dauerhaft erhalten bleibt.
Durch das lange überfällige Pflegestärkungsgesetz II bekommt der Gutachter die Vorgabe, die Pflegebedürftigen ganzheitlich im Bezug auf ihre Selbständigkeit zu bewerten, was besonders den an Demenz erkrankten Menschen zu Gute kommt. Es werden körperliche, geistige und psychische Einschränkungen gleichermaßen erfasst und in die Einstufung einbezogen. Mit der Begutachtung wird der Grad der Selbständigkeit in sechs verschiedenen Bereichen gemessen und – mit unterschiedlicher Gewichtung und festen Punktwerten – zu einer Gesamtbewertung zusammengeführt. Beurteilt wird anhand von:

Mobilität (Aufrichten im Bett, Sitzposition und umsetzen, Fortbewegen in der Wohnung
und Treppensteigen)
Kognitive und kommunikative Fähigkeiten (Personen erkennen, zeitliche und örtliche
Orientierung, Erinnern an Ereignisse, Entscheidungen im Alltagsleben treffen)
Verhaltensweisen und psychische Problemlagen (Verhaltensauffälligkeiten, nächtliche
Unruhe, Wahn und Ängste, unangebrachte Handlungsweisen)
Selbstversorgung (Körperpflege, Toilettengang, Anziehen , Essen zubereiten)
Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder
therapiebedingten Anforderungen und Belastungen (Hilfsaufwand bei Medikation,
Wundversorgung, häusliche Therapiemaßnahmen, Arzt- und Einrichtungsbesuche)
6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakt (z. B. Pläne schmieden, sich
beschäftigen, Kontaktpflege im und außerhalb des eignen Haushalts)

Mit Hilfe des Pflegetagebuchs, der ermittelten Punkte sowie Ihren persönlichen Auskünften wird der Gutachter des MDK den Zeitumfang auflisten, den Sie für die Pflege und Betreuung des Betroffenen benötigen und danach die Empfehlung geben, welchen Pflegegrad er für passend hält.
Sie können sich schon vorab an diesem Zeitfenster grob orientieren:
Bei Pflegegrad I werden für die Grundpflege mindestens 27-60 Minuten benötigt und die psychosoziale Unterstützung einmal täglich notwendig sein.
Für den Pflegegrad II werden 30-127 Minuten für die Grundpflege berechnet sowie einmal täglich psychosoziale Unterstützung.
Ist für den Betroffenen der Pflegegrad II mit eingeschränkter Alltagskompetenz vorgesehen, dann sollte die Grundpflege mindestens 8-58 Minuten beanspruchen und die psychosoziale Unterstützung 2-12 x täglich erforderlich sein.
Darüber hinaus ist er sehr wichtig, dass Sie mit dem Gutachter Ihre Wohnsituation besprechen und ob sie eine vernünftige Pflege zulässt. Haben Sie beispielsweise nur eine Badewanne und keine separate Dusche und wird es immer schwieriger, den Erkrankten aus der Badewanne herauszubekommen, kann eine Empfehlung für einen Wannenlift direkt in das Gutachten mit aufgenommen werden. Oder Ihre Dusche ist zur Stolperfalle geworden und müsste umgebaut werden, so würde auch dieser Umstand in das Gutachten mit einfließen und Sie ersparen sich eine nachträgliche Beantragung. Glücklicherweise haben Sie ja schon durch den Pflegeberater vor dem Besuch des MDK viel Wissenswertes erfahren und eine Menge Tipps bekommen, dass Sie beispielsweise Anspruch auf Ersatz- und Kurzzeitpflege haben, was Sie nun auch mit dem Gutachter abklären können. Teilen Sie ihm auch mit, welche Pflegehilfsmittel und Hilfsmittel Sie bereits jetzt schon benötigen. Zu guter Letzt bitten Sie den Gutachter, dass Ihnen nicht nur die Beurteilung des Pflegegrades zugeschickt wird, sondern auch das Pflegegutachten, was für Sie in Zukunft noch sehr wichtig sein wird. Zeitnah werden Sie von der Pflegekasse die gewünschten Unterlagen bekommen und wenn Sie dann wissen, in welcher Höhe Ihnen die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden, können Sie als pflegender Angehöriger zumindest schon einmal für die nahe Zukunft die Unterstützung planen und organisieren, die sie so dringend benötigt haben.
(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit/ Deutsche Alzheimer Gesellschaft)

Ein neues Kapitel
(In unregelmäßigen Abständen werde ich an dieser Stelle erzählen, wie das Leben ohne Josi an meiner Seite weiterläuft und wie sehr mich das Thema Demenz immer noch beeinflusst. Wenn es neuen Text gibt, werde ich Euch auf Fb darüber informieren.)

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