27. Mitgefangen, mitgehangen…

Herausforderung(1)

Josi zu Hause zu betreuen, war an sich schon ein aufreibende und anstrengende Unternehmung, allerdings war eine weitere Herausforderung die, mich mit meinen eigenen Bedürfnissen der neuen Lebenssituation komplett unterzuordnen und anzupassen. Das Wort Spontanität – bislang für mich die Würze des Alltags – konnte ich aus meinem Vokabular streichen. Ich hatte auch sehr schnell herausgefunden, dass ich an dem Tag, an dem ich ein paar Stunden frei hatte, immer nur eine Sache erledigen konnte. Also entweder einkaufen oder Sport oder Verabredung, Frisör, Arzttermin usw. Sobald ich versuchte, zwei oder gar mehrere Dinge in sehr kurzer Zeit hintereinander zu erledigen, setzte ich mich unter Druck und hatte Stress. Andere mögen das besser hinbekommen, ich leider nicht. Wenn mich Frau P. vertrat, konnte ich theoretisch so lange wegbleiben, wie ich wollte, aber spätestens nach zwei bis drei Stunden erfasste mich eine nicht erklärbare Unruhe und ich musste nach Hause.
Natürlich gewöhnte ich mich im Laufe der Zeit daran, dass ich die Wochen exakt durchplanen musste, trotzdem fand ich es immer wieder nervig, nicht mehr so flexibel sein zu können. Ich konnte nicht mal eben ins Gartencenter oder auf den Markt fahren, sondern musste vorher genau überlegen, ob ich am Mittwoch oder Freitag fahren wollte, je nach dem, was sonst noch zu erledigen war. Vielleicht goss es aber genau an diesem Tag wie aus Kübeln und eigentlich hatte ich gar keine Lust, überhaupt aus dem Haus zu gehen, hatte aber extra jemanden bestellt und konnte nicht zwei Stunden vorher absagen mit der Begründung, dass mir heute nicht danach sei. Abendeinladungen ließ ich, mit wenigen Ausnahmen, ebenfalls meist ausfallen, weil ich abends einfach nur fertig und todmüde war und keine Kraft mehr hatte, mich um 19.00 Uhr noch einmal aufzubrezeln und irgendwo hinzugehen. Der Freundschaftspflege war das natürlich nicht gerade dienlich. Manchmal kam ich mir zu dieser Zeit vor, als säße ich im Knast ein, wo der Freigang wochenlang vorher beantragt werden muss, und auch genauso einsam fühlte ich mich auch. Besuch bekam ich ebenfalls immer seltener, weil es nicht vorhersehbar war, wie Josi gerade drauf sein würde. Wenn er alle fünf Minuten nach mir rief, war eine entspannte Unterhaltung mit einer Freundin nicht möglich und es war meinem Mann logischerweise nicht klar zu machen, dass ich jetzt mal gemütlich quatschen und meine Ruhe haben wollte, wenn er zur Toilette musste, Durst hatte oder ihm langweilig war. Es war ein elendiger Kreislauf, aber schon damals war mir klar, dass ich es bei allen Schwierigkeiten im Gegensatz zu den meisten pflegenden Angehörigen mittlerweile relativ gut hatte. Viele von ihnen sind besonders im Anfangsstadium der Erkrankung völlig hilflos und schnell überfordert und wissen nicht, wie und wo sie sich Hilfe holen können, mir war es ja nicht anders ergangen. Bei einer Demenzsprechstunde hörte ich von Frauen, dass sie über Jahre ihre kranken Männer völlig alleine versorgen, weil sie keine Verwandte oder Freunde haben, die mal für sie einspringen. Die meisten Betroffenen, die älteren Semesters sind, haben keinen Computer und sie sind schon deshalb von vielen Informationen abgeschnitten, die für andere wiederum leicht zugänglich sind. Glücklicherweise wird Demenz mittlerweile im Fernsehen und der Presse regelmäßig thematisiert, so dass man davon ausgehen kann, dass auch die computerlose Zielgruppe aufgeklärt wird und sich traut, sich bei den zuständigen Stellen zu informieren und Hilfe zu holen.

Josi sagt: „Ich muss zu meinem Bruder fahren!“

Anfang Juni war mein Mann eine Zeit lang extrem gut drauf und nachgerade richtig in Plauderlaune. Frau P. erzählte er beispielsweise in epischer Länge von dem Orkan, der Anfang des Monats über uns hinweggefegt war und Tausende von Bäumen entwurzelt hatte. Auch in unserem Garten war viel kaputtgegangen und Josi erklärte ihr im Detail, was die Gärtner in Ordnung gebracht hatten. Wenig später war ich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen und ich konnte mich nicht entscheiden, welches Jackett ich anziehen sollte, also bat ich Josi um Rat und er entschied sich für das rosafarbene. Als ich mich verabschiedete sagte er: „Du siehst hübsch aus“, und zu Frau P. gewandt „so kann ich meine Frau gehen lassen!“
Am nächsten Tag stand er hinter mir in der Küche und meinte: „Du hast einen schicken Hintern.“ Na, wenn das mal kein Kompliment war. Eines Abends schaffte ich es sogar, mit ihm eine halbe Stunde bei Kerzenschein auf der Terrasse zu sitzen und ich wähnte mich in glückliche Zeiten zurückversetzt. Leider hielt die gute Phase nicht sehr lange an und der Wechsel von viel Schlaf und endloser Rennerei begann von vorne. Ende Juni weckte er mich nachts um 3.00 Uhr, er war gestürzt und hatte eine große Platzwunde über dem Auge, die ich notdürftig mit Desinfektionsmittel und einem Pflaster versorgte. Am nächsten Morgen schaute er aus, als hätte ihn ein Pferd ins Gesicht getreten und ich fuhr mit ihm in die Notaufnahme des Krankenhauses, um seinen Kopf röntgen zu lassen. Hätte ja sein können, dass irgendetwas angeknackst war. Nach zwei Stunden Wartezeit fuhren wir unverrichteter Dinge wieder nach Hause, weil es hätte passieren können, noch zwei weitere Stunden zu warten, außerdem war es unerträglich heiß. Daheim zog sich Josi die Klamotten aus, legte sich ins Bett und schlief sofort feste ein. Ich telefonierte zwischenzeitlich mit einem Röntgeninstitut und bekam für den Nachmittag einen Termin. Ich weckte meinen Mann und er musste sich erneut anziehen. Im Institut kam er sofort dran und zum Glück war das Ergebnis ohne Befund, alles gut. In der gleichen Nacht weckte mich Josi um 4.00 Uhr. Ich hastete aufgeschreckt nach unten und da stand er an der Treppe, frisch rasiert und komplett angezogen und fragte mich, wann es endlich losginge. Ich konnte nur noch lachen.
(Tipp Nr. 27: Kräfte bündeln.)

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