74. Wortlos glücklich

74_Ahnungslos

Josis Lieblingsbetreuerin, Stationsschwester Sonja, war aus Krankheitsgründen eine ganze Weile ausgefallen und als sie endlich wieder da war, freute er sich nicht nur, wie ein kleines Kind, sondern fragte sie sofort, wie es ihrem Arm ginge. Demenz ließ grüßen, immerhin hatte er sie mehr als vierzehn Tage nicht gesehen, weil sie eine Sehnenscheidenentzündung gehabt hatte.

Das genaue Gegenteil von klarem Durchblick erlebte ich nur wenige Tage später. Josi saß in seinem Sessel, als ich kam und er fragte mich, ob ich Geld dabei hätte und ob ich wüsste, wo es etwas zu trinken und zu essen gäbe. Als ich ihn an die Hand nahm und mit ihm zum Kaffeetrinken in die Wohnküche ging, war er erleichtert. Später machten wir noch einen kleinen Spaziergang zu unserer Lieblingsbank und genossen wortlos aber glücklich und aneinander gekuschelt die letzten Strahlen der schönen Oktobersonne. Ich war dankbar, dass wir noch so gutes Wetter hatten und mir grauste es schon vor den Wintermonaten mit Kälte, Regen und Schnee, denn dann würde ich meinen Liebling keinen Millimeter mehr vor die Tür bekommen.
Am Sonntag, den 1. November, besuchte Frau P. meinen Mann und sie zeigte ihm einen kurzen Film auf dem Handy, den sie von ihrer Enkeltochter gemacht hatte, die bei einem Konzert auf ihrer Geige spielte. Er war so begeistert von der Musik, dass er den Film gleich noch einmal sehen wollte. Als ich das hörte, bekam ich schon wieder ein schlechtes Gewissen, weil ich es bislang versäumt hatte, Josi die Möglichkeit einzurichten, ab und an seine geliebte Ann Sophie Mutter zu hören und ich nahm mir vor, in der Woche drauf einen CD-Player zu kaufen. Ein Versuch war es auf jeden Fall wert.

Josi sagt: „Schöne Musik.“

Am Montag, den 2. November, war ich früh im Heim, um Josi für seinen Zahnarztbesuch abzuholen. Er saß noch beim Frühstück und war ziemlich mürrisch. Ein Pfleger sollte uns begleiten und er würde auch die ganze Zeit bei uns bleiben, was mich ein wenig beruhigte. Ahnungslos, was da gleich auf ihn zukommen würde, schmierte mein Mann in aller Seelenruhe dick die Butter auf seine zweite Brötchenhälfte und kratzte das Marmeladenschälchen aus. Mich fuchste es natürlich, dass er so hemmungslos mit der Butter umgehen konnte und keine Aufsicht in der Nähe war, aber ich verkniff mir jede Bemerkung und schielte nur ab und an verstohlen auf meine Uhr, wir hatten noch genügend Zeit. Als er endlich fertig war, konnte ich ihn dazu überreden, sich die Zähne zu putzen und es gelang mehr schlecht als recht, immerhin klappte das Gurgeln mit dem Mundwasser. Der Pfleger gesellte sich zu uns und wir packten Josi warm ein. Ich hatte die ganze Zeit auf ihn eingeplappert und ihm erklärt, dass wir jetzt zu der hübschen Zahnärztin fahren würden, dass er eine Wurzel gezogen bekäme, aber alles halb so wild sei. Dann holte ich das Auto und los ging es. Schon fünf Minuten später waren wir vor Ort und Josi und sein Begleiter wankten von dannen, während ich einen Parkplatz suchte. Mir war ganz elend zu Mute und ich hätte am liebsten meinen Mann gepackt und wäre mit ihm bis ans Ende der Welt geflüchtet, weg von allen Krankheiten, der elendigen Demenz und der Zahnärztin, einfach nur weg und alles hinter uns lassen.
(Tipp Nr. 74: Wenn es denn sein muss, dann Augen zu und durch.)

73. Schlechte Nachrichten

Ende Oktober musste ich mit Josi zum Röntgen seiner Zähne. Der Termin war für 10.30 Uhr angesetzt und ich war beizeiten im Heim, weil ich Sorge hatte, dass es Schwierigkeiten geben könnte, meinen Mann so früh aus dem Bett zu bekommen. Bei meinem Eintreffen saß er jedoch schon adrett gekleidet beim Frühstück und putzte sich anschließend sogar bereitwillig die Zähne und spülte den Mund aus und mir fiel ein Stein vom Herzen. Um diese Uhrzeit hätte es ja auch Stress ohne Ende geben können. Eine Schwester half mir, meinen Liebling zum Auto zu bringen und los ging es. Das Institut war nicht weit entfernt, wir fanden auf Anhieb einen Parkplatz und mussten nur wenige Schritte zum Aufzug laufen. Josi guckte sich interessiert im Wartezimmer um, bestaunte die bunten Kindermöbel und die hutaussehenden jungen Frauen, die ihn mit zum Röntgen nahmen. Es klappte alles wunderbar und ich war kolossal erleichtert. Auf dem Rückweg zum Heim sagte er ganz erstaunt: „Ach, hier fahren wir wieder hin.“

Josi sagt: „Ich habe keine Schuhe mehr.“

Am nächsten Tag hatte ich einen Besprechungstermin bei der Zahnärztin. Man konnte nicht direkt vor der Praxis parken und einen Aufzug gab es auch nicht, sondern nur zwei schmale Treppen und ich fragte mich besorgt, wie Josi das schaffen sollte. Die Zahnärztin beruhigte mich jedoch, als ich meine Bedenken äußerte und meinte, das würde schon klappen, sie würden uns alle behilflich sein. Ihr Wort in Gottes Ohr! Noch furchteinflössender war die Nachricht, dass meinem Mann acht Backenzähne und eine Wurzel im Frontbereich gezogen werden müssten. Sie wollte danach mit Brücken und Klammern arbeiten und mir wurde immer elender zumute, weil mir sofort klar wurde, dass Josi mit solchen Dingen im Mund niemals klarkommen würde. Die Zahnärztin schien sich nicht so große Sorgen zu machen und erklärte mir, dass sie als erstes die Wurzel ziehen würde und dann könnten wir weitersehen. Eine Sanierung des Gebisses sei allerdings unumgänglich, weil eine befürchtete Entzündung unbedingt verhindert werden müsste. Sie schien sich ihrer Sache sehr sicher zu sein und da sie schon seit längerer Zeit Patienten in Pflegeheimen betreute, sollte sie eigentlich wissen, was alten und kranken Menschen noch zugemutet werden kann. Ich war trotzdem regelrecht geschockt und nahm mir insgeheim vor, mich an anderer Stelle schlau zu machen, ob es nicht doch noch eine erträglichere Lösung für Josi geben könnte. Die Zahnärztin wollte sich mit dem Hausarzt in Verbindung setzen, denn der Blutverdünner, den mein Mann bekam, müsste reduziert werden und sie würde auch organisieren, dass uns ein Begleiter aus dem Heim beim nächsten Termin unterstützen würde. Schon in der übernächsten Woche sollte es losgehen.
Mit bangem Herzen fuhr ich anschließend zu meinem Liebling. Er lag noch im Bett und schlief und obwohl das Mittagessen anstand, hatte er keine Lust aufzustehen. Kein Problem, erfuhr ich von den Schwester, man würde ihm das Essen eben später noch einmal aufwärmen. Während ich plaudernd in der Küche stand, schlurfte Herr S. vorbei und ich staunte nicht schlecht, als ich an seinen Füßen die Schuhe von Josi entdeckte. Wir hatten sie schon seit Tagen verzweifelt gesucht und ich war ziemlich sauer geworden, weil sie das einzige Paar waren, das ihm noch gut passte. Es passierte immer wieder, dass Bewohner in fremde Zimmer gingen und irgendwelche Sachen mitgehen ließen. Das war sehr ärgerlich, aber sie machten das ja nicht mit Absicht und glücklicherweise tauchten die Gegenstände nach einer gewissen Zeit meist wieder auf.
(Tipp Nr. 73: Niemals auf Anhieb einen ersten Lösungsvorschlag akzeptieren.)

72. Abwechslung

Glücklicherweise gab es rund um das Heim eine große Baustelle, die Fundamente des Gebäudes mussten trockengelegt werden. Da wuselten dann plötzlich Arbeiter mit Schaufeln und Baggern herum und Josi musste sie natürlich ständig kontrollieren und schauen, wie weit sie waren und ob sie auch alles richtig machten. Für ihn eine hochwillkommene Abwechslung und ich wurde jeden Nachmittag auf den neuesten Stand gebracht. Eines Morgens wollte sich Josi die Baustelle mal von vorne anschauen und marschierte durch die Haustür. Dank seines Alarmgerätes konnte er nicht unbemerkt das Haus verlassen und Schwester Sonja eilte gleich hinter ihm her. Aber auch die Handwerker hatten ein wachsames Auge und fragten ihn, wo er denn hin wolle? „Nach Hause,“ antwortete mein Mann, aber da war ihm auch schon die Schwester auf den Fersen und als er sie sah, freute er sich und rief: „Ach, da bist Du ja.“ „Ja, ich bin da,“ erwiderte sie lachend, „aber Sie können nicht alleine nach Hause, das ist doch viel zu weit weg, wir gehen jetzt lieber gemütlich einen Kaffee trinken.“ Gesagt, getan und alles war gut.

Josi sagt: „Alles richtig hier.“

Die Tage sagte eine Besucherin, die zu Josi wollte, kurzfristig ab und da ich schon verplant war, ging ich auch nicht zu ihm. Die Schwestern erzählten mir später, dass er an diesem Nachmittag sehr traurig gewesen wäre und wohl sehr deutlich wahrgenommen hatte, dass ich nicht da war. Von wegen, dass an Demenz erkrankte Menschen immer alles vergessen. Mich quälte das schlechte Gewissen, denn ich konnte es nicht ertragen, wenn mein Liebling traurig war. Wenigstens erfuhr ich noch, dass Josi bei einem Musikspiel mitgemacht hatte und ein sehr gutes Taktgefühl gezeigt hätte. Kein Wunder, in seiner Jugend hatte er lange und sehr gut Geige gespielt und demnach war seine Musikalität nicht ganz verschütt gegangen, ein kleiner Trost.
Der neue Mitbewohner Herr S. war reichlich verwirrt und er hielt sich gerne in fremden Zimmern auf. Während mein Mann seelenruhig in seinem Bett schlief, hatte Herr S. Josis Ohrensessel als Toilette missbraucht und auch im gesamten Zimmer und im Bad seine sichtbaren, übel duftenden Spuren hinterlassen. Zum Glück hatte der Sessel einen Hussen, den ich abziehen konnte und nachdem die Reinigung sich geweigert hatte, ihn zu säubern, stopfte ich ihn kurz entschlossen mit spitzen Fingern in meine eigene Waschmaschine. Sheet happens! Danach sah er wider Erwarten aus, wie neu, war keinen Millimeter eingelaufen und ließ sich problemlos über den Sessel stülpen.
Es war beim Kauf des Sessel eine kluge Entscheidung von mir gewesen, eine Sitzgelegenheit mit einem abnehmbaren Bezug zu kaufen und ich kann nur jedem wärmstens empfehlen, bei einem Neuanschaffung ebenfalls darauf zu achten. Alternativ empfiehlt es sich, eine Schutzdecke auf die Sitzfläche zu legen, denn ein Malheur ist schnell geschehen und dann hat man zwar eine Bescherung, muss sich aber nicht auch noch über umständliche Reinigungsaktionen ärgern.
Die Baustelle auf dem Heimgelände brachte uns weiterhin genügend interessanten Gesprächsstoff und Abwechslung. Mit dieser realen Situation konnte Josi eine Menge anfangen. Er sah die Veränderungen und liebte es, den Arbeitern zuzuschauen, wenn sie mit dem kleinen Schaufelbagger die Erde aushoben und die Wände des Hauses verkleideten. Jeden Tag ging er freiwillig mit nach draußen, wenn ich das Zauberwort „Baustelle“ sagte und er zeigte mir detailliert die gemachten Fortschritte und ich hatte den Eindruck, dass er sehr glücklich war, auch mir mal etwas erzählen zu können.
( Tipp Nr. 72: Experimentierfreudig bleiben.)

71. Oktoberfest

Mittwochs wurde in der Wohngemeinschaft immer selber und frisch gekocht und die Bewohner, die noch halbwegs fit waren, schälten Kartoffeln und putzten das Gemüse, was allen viel Spaß machte. Da in München gerade Oktoberfest war, fragte ich die Schwestern ob es okay wäre, wenn ich für die Woche drauf für alle Weißwürstchen, Krautsalat, Brezel und süßen Senf mitbringen würde. Mein Vorschlag wurde mit Begeisterung aufgenommen und nachdem ich noch blau-weiße Servietten besorgt hatte, rückte ich beizeiten mit den Leckereien im Heim an. Eine Betreuerin hatte noch einen köstlichen Kartoffelsalat gemacht und der bayerische Schmaus war perfekt.
Josi war allerdings komplett irritiert, dass ich schon am Vormittag da war und den Tisch mit eindeckte – sollte ja eigentlich das Personal machen. Außerdem fand er die Servietten hässlich und er hatte schlechte Laune. An diesem Tag lief eben einiges anders und das war es wohl, was ihn störte. Seine Reaktion machte mich nachdenklich und mir wurde sehr deutlich bewusst, dass nicht immer das, was wir als Angehörige abwechslungsreich und schön finden, unsere Lieblinge automatisch auch so empfinden. Wir sind im guten Glauben, ihnen einen Gefallen zu tun, in Wirklichkeit stören wir ihren Rhythmus und bringen sie mit unserem Aktionismus durcheinander.

Josi sagt: „Bring!“

Jetzt mussten wir allerdings alle da durch und so befreiten wir die Würstchen von ihren Pellen und dann ging es auch schon los. Viele hatten noch nie eine Weißwurst gegessen, aber es schmeckte allen und ich war froh, dass ich zur Vorsicht ein halbes Dutzend mehr besorgt hatte, denn es sprach sich sehr schnell im ganzen Haus herum, dass es bei uns heute etwas Besonderes gab. Plötzlich hatten wir viele Besucher auf unserer Station, die ein wenig probieren und naschen wollten. Auch Josi hatte sich wieder eingekriegt und auf meine Frage, ob es ihm schmecken würde, antwortete er: „Wie früher.“ Nach dem Essen gab es noch einen Becher Pudding mit Sahne für jeden Bewohner und als der Becher nicht schnell genug bei meinem Mann landete, krähte er plötzlich wie ein kleines Kind: „Will auch haben, bring!“ Für ihn gab es ein Magermilchjoghurt, was er glücklicherweise nicht bemerkte.
Am Sonntag war Josi nicht zu bewegen, sich anzuziehen, trotzdem wollte er mit mir und seinen Mitbewohnern gerne Kaffee trinken. Als ich ihn fragte, ob ihm sein Aufzug nicht peinlich sei, antwortete er: „Nö, die Leute stören mich nicht!“ Am nächsten Tag empfing er mich mit den Worten: „Ach, da bist du ja endlich, um mich abzuholen. Was mache ich hier und wer hatte meine Hosen an?“ Zum Glück hatte er mehrere Fragen gleichzeitig gestellt und ich konnte ihn mit der Erklärung, dass das hier alles seine eigenen Hosen seien, vom brisanten Thema ablenken. Auch ich war lernfähig und bekam nicht mehr gleich einen Herzinfarkt, wenn er mal wieder nach Hause wollte, sondern konnte ihn mittlerweile geschickt ablenken. Den Trick hatte ich vom Pflegepersonal abgeschaut, die wahre Meister im Taktieren und Ablenken sind. Oft erwischte ich einen grinsenden Josi, der auf der Bettkante saß und eine Banane aß, die er sich in der Küche stibitzt hatte. Da brauchte ich mich nicht zu wundern, dass er immer noch kein Gramm abgenommen hatte. Ich stupste dann seinen dicken Bauch an und schimpfte ein wenig, aber sehr ernsthaft war das natürlich nicht gemeint und er merkte das ganz genau, denn sein Grinsen wurde immer breiter.
(Tipp Nr. 71: Immer wieder großzügig sein.)

70. Josi will nach Moskau

Die Tage war ein Tanztee im großen Festsaal des Heimes angesagt und ich drückte mich und dachte mir, dass Josi auch ohne mich genügend Entertainment hätte und mich nicht vermissen würde. Als ich am darauffolgenden Nachmittag nachfragte, wie es gewesen sei, konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Die Schwestern erzählten mir aber, dass er kräftig das Tanzbein geschwungen habe, zwischendurch in sein Zimmer gegangen sei, aber wieder zurückgekommen wäre. Ich freute mich, na also, ging doch auch einmal ohne mich.
Als Frau B. kürzlich Josi besuchte, erzählte sie ihm sehr viel von ihrer bevorstehenden Reise nach Moskau. Zur Abwechslung vergass er das nicht, im Gegenteil hatten ihn die detaillierten Erzählungen wahnsinnig aufgeregt und beschäftigt. Er wollte nun immerzu wissen, ob wir denn jetzt alle Papiere beisammen hätten, ob alles in Ordnung sei, wer alles mitkäme und wann denn endlich der Flieger ging. Frau B. habe ich daraufhin gebeten, ihm nicht mehr so spannende Geschichten zu erzählen, sie würden Josi nur Albträume und Angstzustände bescheren. Für jetzt und die Zukunft waren leichte Kost und seichte Unterhaltungen angesagt, die sich beruhigend auf die Nerven auswirkten.

Josi sagt: „Jetzt geht es los.“

An einem Montagmittag war ich im Heim, um den Arzt abzufangen und mit ihm über das Gewicht meines Mannes zu sprechen. Er war höchst erstaunt, dass Josi in sehr kurzer Zeit zehn Kilogramm zugenommen hatte und fand das natürlich auch nicht in Ordnung. Für die nächste Zeit war erst einmal fettreduzierte Kost angesagt und ich hoffte, dass die Belegschaft das jetzt endlich verinnerlichen und vor allen Dingen umsetzen würde. Zuvor hatte ich bei meinen Beschwerden immer nur gehört, dass die Gewichtszunahme von der mangelnden Bewegung käme. Aber wenig Bewegung macht nicht automatisch dick, außer man futtert dabei wie ein Scheunendrescher die falschen Sachen. Jeden Nachmittag ein großes Stück Kuchen mit Sahne bleibt auf den Hüften nicht unbemerkt. Es kommt auf die richtige Dosierung an und ein kleineres Stück machte Josi genauso glücklich, wie ein großes. Trotzdem ist das Thema Essen die reinste Gradwanderung, denn da an Demenz erkrankten Menschen wenige Vergnügungen bleiben, kann man sie natürlich nicht auf eine brutale Diät setzen und ihnen alle lieb gewordenen Dinge plötzlich vorenthalten, da gehören schon viel Fingerspitzengefühl und hinreichende Kenntnisse über gesunde Ernährung dazu, das war mir schon klar.
Für den Anfang war ich erst einmal erleichtert, dass alle Bescheid wussten und es mir hoffentlich erspart bleiben würde, mich weiter wie eine Giftnudel zu benehmen, die ihrem Mann das Essen nicht gönnt. Ich machte mir einfach Sorgen, denn wie ich schon zuvor erwähnte, schnaufte er beim Laufen wie eine kleine Dampflock und konnte sich im Liegen kaum von einer Seite auf die andere drehen, weil ihm sein dicker Bauch im Wege war und für sein krankes Herz war das starke Übergewicht ganz sicherlich auch nicht optimal. Ich machte alle seine Hosen weiter und kaufte zwei neue in einer Nummer größer dazu. Ein Pfleger machte mir den Vorschlag, Hosen mit Gummizug zu kaufen, die hätten die anderen Mitbewohner auch und wären sehr praktisch. Das war ganz sicherlich keine Option für uns, mein Mann sollte sein äußeres Erscheinungsbild behalten und auch die letzten Jahre seines Lebens in schicken Stoffhosen, Hemd und Jackett herumlaufen können, dafür zu sorgen war ich ihm schuldig.
(Tipp Nr. 70: Auch mal stur sein und nachhaken.)

69. Duschmuffel

69_GegensatzEs war mal wieder Zeit für ein Angehörigen-Treffen bei Kaffee und Kuchen. Den Austausch mit anderen Betroffen wusste ich immer mehr zu schätzen und es tat gut zu wissen, dass man mit seinem Kummer und seinen Nöten nicht alleine war. Später schaute ich bei Josi vorbei und er erzählte mir, dass er seit Tagen nicht mehr geduscht hatte. Als ich bei den Schwestern nachfragte erfuhr ich, dass es tatsächlich stimmte und sie vermuteten, dass er sich wahrscheinlich vor den teilweise doch recht jungen weiblichen Pflegekräften schämte. Wir konnten ihn alle gut verstehen und mir tat es in der Seele weh, ihn in solchen Nöten zu wissen und gleichzeitig war ich erleichtert, dass man auf seine Befindlichkeiten Rücksicht nahm. Intimpflege ist wirklich ein sehr delikates Thema und muss äußerst sensibel und behutsam angegangen werden und es gehört viel Fingerspitzengefühl dazu, die Schamgrenze nicht zu überschreiten. Als wir uns gerade beeiden, was zu tun sein, kam eine Schwester dazu, die sehr gut mit meinem Mann zu Recht kam und sie versprach mir, ihn am Abend zu duschen, was ihr später auch tatsächlich gelang. Ansonsten wurde mir versprochen, dass morgens auch schon einmal ein Pfleger von einer anderen Station aushelfen würde. In der Folgezeit wurde Josi zu allen möglichen und unmöglichen Tageszeiten geduscht oder gewaschen, wie es unserem Liebling eben gerade passte oder es in das Zeitfenster einer seiner Favoriten gepackt werden konnte. Diese für meinen Mann wunderbare Flexibilität ist natürlich nur in einem Haus mit wenigen Bewohnern möglich.
Josi sagt: „ich habe gebetet.“

Am nächsten Tag erzählte mir Josi, dass er bei einem Gottesdienst gewesen sei und ich dachte mir: „Wenn du meinst mein Liebling, dann träume ruhig weiter von so angenehmen Dingen.“ Durch Zufall erzählte ich einer Schwester davon und sie sagte: „ Ja, heute Vormittag war eine evangelische Pastorin hier und hat einen Gottesdienst gehalten.“ Ich schämte mich eine Runde und gelobte mir insgeheim Besserung. Am Nachmittag kamen zwei Clowns, ein junger Mann in Lederhosen und eine hübsche junge Frau in einem bunten Kleid, um die Truppe ein wenig aufzuheitern und abzulenken. Ich fand sie nicht besonders lustig, aber die Bewohner lachten sich kaputt über die albernen Witzchen und als sie ein Lied anstimmten, sangen alle mit. Mein Mann, der alte Charmeur, himmelte die junge Frau an, zeigte ständig mit dem Finger auf sie und sagte laut: „Ist die hübsch.“
Mich fasziniert es immer wieder, wie extrem Josi immer noch auf gut aussehende Frauen reagierte, er flirtete mit ihnen, machte ihnen Komplimente und war augenscheinlich entzückt, wenn sie in seiner Nähe waren und sich um ihn kümmerten. Dann war ich auch schon einmal vergessen, aber im Gegensatz zu früher, war ich nicht eifersüchtig, sondern freute mich, dass er glücklich war. Ich kam ja nicht zu kurz, denn mich schaute er auch oft sehr direkt an und sagte dann zu mir: „Du bist aber hübsch oder Du siehst gut aus.“
Leider sagte er jetzt ständig sehr laut, was er gerade dachte und das war dann immer mehr als peinlich. Entdeckte er übergewichtige Person, rief er ungeniert: „Die ist aber fett,“ und wenn er einen Pfleger oder Mitbewohner nicht mochte und der lief gerade an uns vorbei, konnte es vorkommen, dass Josi sagte: „Das ist so ein Arsch.“ Ich wünschte mir dann immer einen Abgrund, der sich vor uns öffnet. Natürlich zankte ich meinen Mann nach solchen Peinlichkeiten aus, aber meist grinste er dann einfach nur frech zurück nach Motto, ich darf jetzt endlich einmal sagen, was ich möchte.
(Tipp Nr. 69: Mitgefangen, mitgehangen.)

68. Josi freut sich

Jetzt war Josi schon drei Monate im Heim und im Großen und Ganzen gab es mehr gute Tage, als schlechte. Mein eigenes Wohlbefinden war sehr abhängig von seiner Tagesform und wenn ich nicht bei ihm war, konnte ich trotzdem nicht abschalten und die freie Zeit genießen. Es war ein Teufelskreis und ich hoffte auch für mich, dass sich die Situation in den nächsten Wochen und Monaten mehr entspannen würde, denn es durfte nicht zum Dauerzustand werden, ständig so unglücklich zu sein.
Die Heimleitung hatte mich zu einem Integrationsgespräch gebeten. Außer der Stationsschwester nahm noch eine Dame vom Sozialdienst sowie eine Dame aus der Geschäftsleitung teil. Meine Gesprächspartnerinnen berichteten mir aus ihrer Sicht, wie sich Josi eingelebt hat und ich musste ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern und erzählen, wie ich ihn kennengelernt hatte und wie er früher so drauf war. An einigen Stellen meiner Erzählungen lachten sie, weil sie nun besser nachvollziehen konnten, warum Josi in ganz bestimmten Situationen so speziell reagierte. Das Gespräch war tatsächlich für das gegenseitige Verständnis sehr hilfreich. Mir wurde geraten, jetzt doch einige Familienbilder in sein Zimmer zu stellen und Notizen über seine Hobbys, Vorlieben und besonderen Vorkommnissen in seinem Leben zu machen. Das Pflegepersonal hätte dann für den Notfall einige Anknüpfungspunkte für ein Ablenkungsmanöver parat. Am Ende der Stunde wurde ich darauf vorbereitet, dass es noch ein Gespräch über das Sterben geben würde.

Josi sagt: „Langweilig hier.“

Noch am Abend war ich ganz aufgewühlt vom Nachmittag und den Erzählungen aus der Vergangenheit. Mich nahm es enorm mit, an all die schönen Dinge von früher erinnert zu werden, weil mich dann das Elend der Gegenwart einholte und ich noch mehr Angst vor der Zukunft bekam. Da kam keine Freude auf, im Gegenteil, nur Trauer und Traurigkeit und ich musste mich arg zusammennehmen, um nicht in Selbstmitleid oder eine Depression zu versinken. Immerhin wusste ich jetzt, dass ich ein Gespräch über das Sterben ablehnen würde. Wenn es soweit wäre, hätte ich immer noch genügend Zeit, mich darüber aufzuregen und damit auseinanderzusetzen, das musste ich mir ja nicht schon vorher antun und so schob ich das ganze Thema erst einmal energisch beiseite und ging zur Tagesordnung über. Für mich der einzig gangbare Weg, nicht groß lamentieren, sondern aufstehen, Krönchen richten und weitermachen.
Einen Rat befolgte ich denn noch und stellte Josi am nächsten Tag drei gerahmte Bilder von mir und seinen drei Kindern auf sein Regal. Er war begeistert und freute sich wahnsinnig darüber und zeigte sie stolz jedem, der sein Zimmer betrat. Mit den Notizen tat ich mir dagegen sehr schwer. Ich starrte auf ein weißes Blatt Papier, aber mir fiel nur banales Zeug ein. Josi war mit Leib und Seele Arzt gewesen und sein Beruf hatte den größten Teil seines Lebens eingenommen und ausgefüllt. Daneben blieb wenig Zeit für großartige Hobbys, wenn man mal von seiner ausgeprägten Reiselust absah. Dafür hatte er sich jedes Jahr einige Wochen Zeit genommen, aber die letzte gemeinsame Reise nach Sylt lag auch schon eine Ewigkeit zurück und sie war so schrecklich gewesen, dass ich gar nicht mehr daran denken mochte.
(Tipp Nr. 68: Alles mit ein wenig Abstand betrachten.)

67. Josi sieht Gespenster

Josi äußerte immer noch den Wunsch, nach Hause zu wollen. Als Frau P. ihn am Sonntag besuchte, saß er ganz verschreckt auf der Bettkante und zeigte mit dem Finger auf seinen Sessel. „Dort sitzt ein fremder Mann,“ sagte er zu ihr, „der soll abhauen.“ Zum Glück kannte sich Frau P. mit solchen Situationen gut aus. Sie machte die Zimmertür weit auf und sagte zu der imaginären Figur: „gehen Sie augenblicklich weg hier.“ Dann schloss sie die Tür wieder, setzte sich selbst in den Sessel und sagte zu Josi: „So, er ist jetzt weg.“ Ihr war auch aufgefallen, wie dick mein Mann geworden war und ich schnappte mir gleich am nächsten Tag die Stationsschwester, weil ich wissen wollte, wie viel er zugenommen hatte und ob er neue Medikamente bekäme. Tatsächlich gab es fast zehn Kilogramm mehr auf der Waage und nachts bekam er zwei Mittel zum Schlafen und zur Beruhigung. Die hatte Josi schon einmal vor Jahren bekommen und als er damals auch so zunahm und gleichzeitig halluzinierte, hatte ich die Säfte einfach entsorgt. Immerhin wusste ich jetzt, wer die Übeltäter waren und regte mich ein wenig darüber auf, ob die Einnahme von dem Teufelszeug überhaupt notwenig sei. Das wusste die Schwester natürlich nicht, schließlich war der Neurologe für die Medikation zuständig. Als ich später mit Josi im Garten saß, kam sie mit dem Telefon angelaufen und sagte mir, dass mich der Neurologe gerne sprechen würde. Ich war beeindruckt, wie rasch hier die Buschtrommel funktionierte und das, obwohl es ein Mittwochnachmittag war. Der Arzt erklärte mir genau, warum mein Mann die Medikamente bekäme und zwar wegen seiner Schlafprobleme, Unruhe und Weglauftendenz und ihm war natürlich bekannt, dass der Saft zu Heißhungerattacken führte und manchmal auch zu Halluzinationen. Er würde jetzt erst einmal die Dosierung halbieren und auf Dauer vielleicht sogar ganz absetzen. Außerdem versprach er mir, mich zu benachrichtigen, wenn irgendeine Änderung anstand. So sollte es sein und ich war wieder einmal dankbar, allen Anschein nach das richtige Heim ausgeguckt zu haben.

Josi sagt: „Will meine Ruhe.“

Später gestand mir die Schwester, dass Josi in der ersten Zeit nachts ständig den Kühlschrank leer gegessen hatte. Als sie eines Morgens zwölf leere Joghurtbecher und zwölf benutzte Löffel fanden, wurde der Eisschrank ab sofort während der Nacht abgeschlossen. Auch den großen Obstteller versteckten sie, denn auch an dem hatte er sich reichlich bedient, wie an den Apfel- und Birnenresten und den Bananenschalen in der Früh unschwer erkennbar war. Als Trost wurde ihm eine kleine Ration hingestellt und gut war. Mein Mann war schon immer ein nächtlicher Eisschrank-Plünderer gewesen, aber mittlerweile kannte er kein Maß und kein Sättigungsgefühl mehr bzw. hatte nach zehn Minuten vergessen, dass er schon zwei oder mehr Joghurts oder was auch immer gegessen hatte.
Die Tage saß Josi alleine im Garten und schaute wohl etwas unglücklich aus der Wäsche und eine junge Frau vom Sozialdienst setzte sich einen Moment zu ihm und fragte ihn, wie es ihm geht. Josi antwortete: „Nicht so gut.“ Darauf hin wollte sie wissen, wann es ihm denn gut gehe? Josi erwiderte: „Wenn meine Frau bei mir ist.“ Ich musste schlucken, als sie mir den Wortwechsel schilderte, andererseits freute ich mich, dass sie es mir überhaupt erzählt hatte. So war ich auch ein wenig vorbereitet, als er mich nachmittags fragte: „Wo wohnst Du?“
Ich: „Noch immer in unserem Haus.“
Er: „Und warum darf ich dort nicht wohnen?“
Ich: „Du bist hier besser aufgehoben.“
Er: „Aha!“
Für den Moment war das Thema erledigt, aber schon am nächsten Tag fragte er wieder, wie lange er noch bleiben müsste? Josis Stimmungen waren nach wie vor sehr wechselhaft, an einem Vormittag herrschte er die Schwester, die ihn aus dem Bett holen wollte mit „hau ab, Du Sau!“ an, am nächsten Nachmittag kam er aus seinem Zimmer, sah die Mitbewohner am Esstisch sitzen, breitete die Arme aus und rief fröhlich: „Da seid ihr ja alle.“
(Tipp Nr. 67: Immer am Ball bleiben.)

66. Lotti in der Endlosschleife

Als ich gerade begann, mich ein wenig zu entspannen, kam abends der nächste Anruf von Josi mit dem Befehl, sofort und auf der Stelle zu kommen, um ihn abzuholen. Ich erklärte ihm, wie müde ich sei und dass ich auf jeden Fall ja morgen bei ihm wäre. Dieses Argument zog noch immer bei ihm und trotzdem hinterfragte er noch dreimal, um wie viel Uhr ich genau käme. Im Geiste sah ich mich für den Rest meines Lebens in einer Endlosschleife: Zwei Tage Ruhe, ein Tag Terror, zwei Tage Ruhe, ein Tag Terror. In der Regel hatte Josi am nächsten Tag seinen Rückkehr-Wunsch meist schon wieder vergessen, aber es sollte noch Wochen dauern, bis ich mich an das Auf und Ab und Hin und Her gewöhnen würde. Auf jeden Fall reagierte ich schon etwas weniger panisch und das war immerhin ein Fortschritt für mich.
Eines nachmittags hatte ich großen Spaß, als ich miterleben durfte, dass Josi „kein schöner Land in dieser Zeit“ mitsang. Es geschahen in letzter Zeit Dinge mit ihm, die ich zuvor niemals für möglich gehalten hätte und ich tat erneut den Leuten Abbitte, die mir genau das vorausgesagt hatten und denen ich nicht Glauben schenken wollte. Als ich mich verabschiedete, wollte mein Mann detailliert wissen, wie ich nach Hause käme und welchen Weg ich fahren würde. Ich erklärte es ihm ganz genau und er gab sich damit zufrieden und sagte: „Ah ja, das ist ja gar nicht so weit.“ Öfters brachte er mich zur Glastür, die die Station vom Treppenhaus trennte und zum Ausgang führte und dann gab es noch ein Küsschen und Winke-Winke.

Josi sagt: „Schöne Ente.“

Ich konnte froh und dankbar sein, dass es bei der Verabschiedung kein Theater gab, wie das bei einigen Anderen der Fall war. Wenn er auch vieles vergaß, so spürte Josi allen Anschein doch, dass ich am nächsten Tag wiederkommen würde. Wir hatten uns unser gemeinsames Leben lang immer sehr vertraut und aufeinander verlassen können, vielleicht war dieses Urvertrauen bei ihm geblieben, auch wenn ich mir immer wieder schäbig vorkam, ihm nicht die komplette Wahrheit über seine Erkrankung und den Heimaufenthalt zu sagen.
Wann immer es das Wetter zuließ, gingen wir nachmittags für eine Stunde in den Garten. Lange laufen konnte Josi nicht mehr, weil ihm seine Beine so weh taten und er beim Gehen schnaufte, wie eine kleine Dampflock, so schafften wir es immerhin bis zu unserem Lieblingsplatz am Ende des Außenbereichs. Wir setzten uns dann auf unsere Lieblingsbank, die vor einer mit grünen Blättern bemalten Wand stand und windgeschützt war. Von unserem Stützpunkt aus hatten wir einen richtigen Panoramablick und es gab ständig neue Dinge zu entdecken. Links von uns, im Garten der angrenzenden Klinik, standen zwei große Apfelbäume und wir beobachteten mit Interesse, wie sich im Laufe weniger Tage die Farbe der Früchte von einem satten Grün bis hin zu einem leuchtenden Rot veränderten. Wir ärgerten uns, dass keiner die schönen Äpfel pflückte. Ich hatte mal einen stibitzt und probiert, aber er war nicht sehr schmackhaft gewesen. Trotzdem hätte man sicherlich ein gutes Kompott oder ein Mus daraus kochen, Gelee oder Marmelade machen oder sie für einen Apfelkuchen verwenden können. Sehr ernsthaft gingen wir nahezu täglich alle Varianten durch.
Ein klein wenig nach rechts versetzt schauten wir auf das zweite Gebäude des Heims. Es war wie ein Kubus gebaut und stand im krassen Gegensatz zur Klinkerfassade des Hauptgebäudes, in dem Josi untergebracht war. Hier konnte man wirklich gut erkennen, wie harmonisch sich Alt und Neu ergänzen können. Gesprächsstoff lieferte auch eine Gans aus Beton, die die Terrasse des modernen Gebäudes bewachte. Für Josi war sie eine Ente und er fand sie jeden Tag von neuem schön. Auch die Andeutung eines japanischen Klanggartens erregte immer wieder seine Aufmerksamkeit. Wenn ein leichter Wind wehte, bewegten sie die aufgehängten Elemente und wir erfreuten uns an den Klängen von Holz-, Ton- und Metallstäben oder den kleinen Glöckchen.
Auf dem Rückweg blieben wir meist vor einem Fenster stehen, dass zum Zimmer eines Bewohners gehörte. Der untere Teil des bodentiefen Fensters wurde von einem kleinen Regal eingenommen, auf dem sich eine Menge unterschiedlicher Gegenstände befanden wie eine Vase mit Seidenblumen, Glaskugeln, Spitzendeckchen, eine Puppe und ein kleiner Teddy. Ich fand es grausam, sagte das aber natürlich nicht, weil Josi alles wunderschön fand, selbst die Spitzengardine bewunderte er. In einem der ersten Heime, die ich mir seinerzeit angeguckt hatte, befand sich ein Wohnzimmer mit Möbeln aus den fünfziger Jahren und ich war entsetzt gewesen und feste davon überzeugt, dass sich mein Mann in einer solchen Umgebung niemals wohlfühlen könnte und jetzt stand er hier und konnte sich nicht sattsehen an dem ganzen Nippes. Bevor wir ins Haus zurückkehrten machten wir einen letzten Halt vor einem Betonschaf. Es schielte, sah ziemlich blöde aus, aber Josi und ich hatten unseren Spaß bei seinem Anblick und wir mussten jedes Mal darüber lachen und das war es eigentlich, worauf es letztendlich ankam.
(Tipp Nr. 66: Die schönen Augenblicke genießen.)

65. Josi macht einen Ausflug

Frau P. besuchte meinen Mann und er fragte sie sofort, ob alles seine Ordnung habe? Sie hatte ihn nicht nur lange mit betreut, sondern auch unsere Steuerunterlagen vorsortiert und Josi hatte das bei ihrem Anblick sofort richtig zugeordnet. Wir waren begeistert, wenigstens für einen kleinen Moment.
Einmal schaffte ich es nicht, Josi zu besuchen und rief gegen Abend im Heim an. Ich erfuhr, dass er den ganzen Nachmittag zur Tür gerannt war und mit dem Taxi nach Hause wollte. Als ich mit ihm sprach, fragte er mich, ob er in Lintorf sei, das wäre ja gar nicht so weit weg. Ich konnte ihn wieder ablenken und beruhigen und auf den nächsten Tag vertrösten, trotzdem sagte er zu Abschied: „Ich bin so alleine.“ Mir war nicht klar, wer in diesem Moment mehr gelitten hat, er oder ich und ich wusste auch nicht, wie lange ich solch ein Elend überhaupt noch ertragen könnte. Zum Glück trug Josi sein Alarmgerät am Arm, denn mittlerweile würde ich nicht mehr ausschließen, dass er sich zu Fuß auf den Weg nach Hause machen würde. Ich konnte sein Heimweh so gut verstehen, und das machte die Situation nicht einfacher für mich.
Als ich am nächsten Nachmittag zu ihm kam, lag er im Bett und hatte sich eingenässt. Ich zog ihm alles aus, wusch ihn, cremte ihn ein und kleidete ihn mit frischen Sachen ein. „Tut das gut, wenn du das machst,“ kommentierte er den Vorgang. Ich war sauer, weil seine Kuscheldecke schon wieder verschwunden war, zum Glück hatte ich schon eine Ersatzdecke besorgt. Abends rief Josi wieder an und wollte nach Hause.

Josi sagt: „Keine Ahnung.“

Danach blieb die Situation für ein paar Tage entspannt und friedlich, bis ich eines morgens um kurz nach 8.00 Uhr einen Anruf aus dem Heim bekam. Es gäbe keinen Grund zur Aufregung, sagte man mir, aber man habe meinen Mann vorsichtshalber in die Klinik bringen lassen, weil er eine starke Blutung am Ohr gehabt hätte. Auf meine Frage, ob jemand mitgefahren sei, bekam ich ein „Nein“ zur Antwort und man würde sich melden, wenn es etwas Neues gäbe. Da Josi große Hautprobleme im Gesicht und auf dem Kopf hatte, kratzte er sich häufig und es entstanden kleine Wunden, die sich verschorften. Den Schorf kratzte er dann auch wieder weg und da er starke Blutverdünner bekam, blutete er teilweise sehr heftig. Ich ging davon aus, dass dies auch an seinem Ohr passiert war. Ich trank auf die Schnelle einen Kaffee, machte mich fertig und fuhr in die Klinik. Das er dort alleine unterwegs war, fand ich nicht in Ordnung. Josi war jedoch schon wieder zurückgebracht worden und ich hatte großes Glück, dass der Arzt in der Notaufnahme gerade eine Minute Zeit für mich hatte. Er hatte meinen Mann gründlich untersucht und ihn sogar röntgen lassen, aber es wäre alles ohne Befund gewesen. Er glaubte auch, dass sich Josi sein Ohr blutig gekratzt hatte. Die ausführliche Untersuchung war gemacht worden um auszuschließen, dass er gestürzt war.
Anschließend fuhr ich zu meinem Liebling, um mich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung war. Josi saß fein rausgeputzt beim Frühstück und mampfte ein Brötchen. Am Ohr hatte er lediglich ein kleines Pflaster. Ich war erleichtert und neckte ihn: „Du wolltest wohl mal einen kleinen Ausflug machen, war dir anscheinend zu langweilig hier?“ Er grinste mich an und erwiderte: „Keine Ahnung.“
Danach folgten ein paar Tage voll Friede, Freude, Eierkuchen. Mittlerweile hatte ich auch keine Berührungsängste mehr mit Josis Mitbewohnern, im Gegenteil saß ich fast jeden Nachmittag zwischen ihnen am Tisch und trank mit ihnen Kaffee. Auch sie hatten sich an mich gewöhnt und augenscheinlich akzeptierten sie mich, denn es wurde mir schon mal, ohne dass ich nachfragte, Zucker oder Milch rüber geschoben.
(Tipp Nr. 65: Immer am Ball bleiben, man gewöhnt sich an alles.)